systemische Therapie
Die systemische Therapie (auch: Systemische Familientherapie) ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Schwerpunkt auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen, insbesondere auf Interaktionen zwischen Mitgliedern der Familie und deren sozialer Umwelt liegt. In Abgrenzung zur Psychoanalyse ist die Bedeutung impliziter Normen des Zusammenlebens für das Zustandekommen und die Überwindung psychischer Störungen (Familienregeln).
Allerdings berücksichtigen auch andere Therapieformen wie zum Beispiel die Kognitive Kurzzeittherapie den ’systemischen‘ Aspekt. Die Systemische Therapie unterscheidet sich nach Angaben ihrer Vertreter dadurch, dass weitere Mitglieder des für den Patienten relevanten sozialen Umfeldes in die Behandlung einbezogen werden. Seit Ende 2018 ist in Deutschland die Systemische Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkasse aufgenommen. In Österreich ist es derzeit noch nicht der Fall.
Die systemische Familientherapie entstand mit Mara Selvini Palazzoli und ihrer Mailänder Gruppe ab 1971. 1973 griff Iván Böszörményi-Nagy das Thema auf und veröffentlichte seine Invisible loyalties. Reciprocity in intergenerational family therapy, welche als frühes Grundlagenwerk der Familientherapie gilt. Er gilt als wesentlich für die Mehrgenerationen-Perspektive. Von ihm stammen auch die Begrifflichkeiten Loyalität, Parentifizierung, Ausgleich (der Beziehungskonten bzw. Gerechtigkeit) und Ordnung in familientherapeutischen Kontexten.
Die anfängliche Gleichsetzung von Familie und System war zwar prägend in der Gründungsphase der Systemischen Therapie, rückte aber ab den 1980ern in den Hintergrund (konstruktivistische Wende). Im Laufe der Zeit haben sich methodisches Vorgehen und zugrundeliegende Prämissen differenziert, so dass sich heute mehrere Schulen voneinander abgrenzen.
Strukturelle und strategische Familientherapie, aber auch Familientherapie mit mehreren Generationen (Mailänder Modellund Heidelberger Schule), narrative Ansätze, Familienskulpturen, lösungsorientierten Ansätze der Schule von Milwaukeesind hierbei die wichtigsten Schlagworte.
Gegenwärtig orientiert sich die Systemische Therapie an drei übergeordneten Theoriesträngen
- Selbstorganisation
- Die Selbstorganisation ist in der Systemtheorie eine Form der Systementwicklung, bei der formgebende oder gestaltende Einflüsse von den Elementen des Systems selbst ausgehen. In Prozessen der Selbstorganisation werden höhere strukturelle Ordnungen erreicht, ohne dass äußere steuernde Elemente vorliegen. Im politischen Gebrauch bezeichnet Selbstorganisation die Gestaltung der Lebensverhältnisse nach flexiblen, selbstbestimmten Vereinbarungen und ähnelt dem Autonomiebegriff.
- Autopoiesis (Luhmann 1984)
- Autopoiesis oder Autopoiese (altgriechisch autos, deutsch ‚selbst‘ und poiein „schaffen, bauen“) ist der Prozess der Selbsterschaffung und -erhaltung eines Systems.